Infektionskrankheiten
K. Zwiauer
Wie sich Geschichte wiederholt: Vor zehn Jahren im Vorfeld der heute unbestrittenen Impfung gegen Hämophilus influenzae war das gesundheitsmedizinische Verhalten der Politiker völlig ident mit jenem, das wir heute vor der Einführung der Pneumokokken-Schutzimpfung erleben. Auch damals war völlig klar, dass es sich bei Hämophilus influenzae um eine extrem gefährliche Infektion handelt, auch damals gab es eine wirksame und sichere Impfung, der Wert der Impfung unbestritten - und auch damals geschah lange Zeit nichts - es musste so manches Kind an der Infektion versterben oder bleibenden Schaden erleiden, obwohl es eine Impfung gab . . .
Pneumokokken kann man sich nicht entziehen. Sie sind Erreger, die ständig den Nasesn-Rachen-Raum von ca. 10% der Menschen besiedeln. Nach dem Hämophilus influenzae B Erreger, sind sie – noch vor den Meningokokken – die gefährlichsten und häufigsten Erreger bakterieller Infektionen beim Säugling und Klein-Kind. Sie verursachen neben Meningitis und Sepsis schwerste, akut verlaufende Pneumonien, die – daher der Name – ganze Lungenflügel betreffen und zum Tod führen können. Hier besonders bemerkenswert ist das Problem der steigenden Resistenzen gegen Antibiotika, die in dieser Indikation zum Einsatz kommen.
Für alle invasiven Infektionen mit Pneumokokken ist der schlagartige Verlauf nach unauffälligem Beginn typisch, da sich diese Erreger in einem ungeheuren Tempo im Organismus vermehren. Sie setzen kaum Toxine frei und führen zu einer sich ständig weiter steigernden Entzündungsreaktion, die man sich so vorstellen kann als würde ein Motor unaufhaltsam mit immer höherer Drehzahl laufen bis er schlussendlich verglüht. Dieses Verglühen entspricht dem Tod der Betroffenen.
Nach internationalen Statistiken mit großen Fallzahlen verlaufen 10% der invasiven Infektionen tödlich. Eine dramatische Zahl. Rund 1/3 der Überlebenden muss in der Folge mit Dauerschäden leben in Form von Taubheit, psychomotorischer Retardierung, Zerebralparesen (Lähmungen), Zerebralkrämpfen, Schreianfällen, Störungen des Gleichgewichts, des Denkens oder des Sprechens. Der Betreuungsaufwand dieser Dauerfolgen ist derartig hoch, dass es dazu keine exakten Zahlen gibt, aber ein behindertes Kind kostet über sein Leben dem Gesundheitssystem rund 700.000 Euro und den Eltern jährlich etwa 18.200 an privaten Mehrkosten.
Diese Langzeitschäden können sich auch bei einer völlig rechtzeitiger Diagnose und Therapie entwickeln, da die zur Verfügung stehenden Therapeutika für die sichere Bekämpfung dieses Erregers nicht ausreichen.
Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, wenn – nach mehrfacher Zusage – nun der freie Zugang zur kostenlosen Pneumokken-Impfung erneut verzögert wird. Jedes Kind, das durch die verzögerte Einführung der Pneumokokken-Impfung Schaden erleidet, ist ein Zeuge gesundheitspolitischen Missmanagements.